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Der Chefarzt der Gütersloher Bernhard-Salzmann-Suchtfachklinik Kemper

Der Chefarzt der Gütersloher Bernhard-Salzmann-Suchtfachklinik Kemper sieht täglich Spieler, deren ruinöse Erkrankung vor blinkenden Geldschluckgeräten ihren Anfang nahm. Er fordert deshalb ein Verbot von Geldspiel-, Glücksspiel-, Daddelautomaten in Kneipen und möchte auch in Spielhallen, nur mehr Unterhaltungsspiele ohne Geldgewinn, sehen. Solche Spiele sollten ausschliesslich in Casinos ohne Zutritt für Minderjährige und Spielsüchtige.zu finden sein. Suchtexperte Dr. Ulrich Kemper vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) geht in diesen Forderungen konform mit der Bundesdrogenbeauftragten, dem Deutschen Städtetag und dem Länder-Fachbeirat Glücksspielsucht. In der LWL-Suchtfachklinik Gütersloh oder Bernhard Salzmann Klinik wurden seit 1985 etwa 1.500 pathologische Glücksspieler auf freiwilliger Basis behandelt. Nur ein kleinert Teil, etwa fünf bis zehn Prozent sind Casinobesucher, die aber auch hier meist den Automatensaal frequentieren. Die restlichen 90 Prozent sind aber die Zocker an den Slots, das auch gerne als kleinen Spiel bezeichneten wird. Sie spielen in der Spielothek ‘um die Ecke‘, wo die Einsatz- und Gewinnmöglichkeiten wesentlich geringer sind aber das Suchtpotenzial scheinbar weitaus höher ist.

 

In einem Interview stellt er sich den Fragen.

Sind Geldspielautomaten eine Art Einstiegsdroge?
Kemper:
Kein Zweifel. 75 Prozent der Spielsüchtigen sagen, dass sie über Geldspielautomaten in die Abhängigkeit gerutscht sind.

Über welches Ausmaß reden wir?
Kemper:
Fachleute schätzen, dass in Deutschland rund eine halbe Million Menschen spielsüchtig sind oder ein problematisches Spiele-Verhalten zeigen. In Nordrhein-Westfalen sind es nach Angaben der Landeskoordinierungsstelle Glückspielsucht etwa 40.000. Als besonders anfällig gelten die 18- bis 23-Jährigen. Wenn das Glück sie verlassen hat, leiden Spielsüchtige unter sozialer Isolation, Familienproblemen und hohen Schulden. In Deutschlands Kneipen und Daddelhallen gibt es inzwischen mehr als eine Viertelmillion Spielgeräte, fast 80.000 mehr als noch vor acht Jahren. Bundesweit hat sich die Zahl der Hilfesuchenden in Beratungsstellen in den vergangenen Jahren auf mehr als 16.000 verdreifacht. Die Automatenbranche macht Milliardenumsätze.

Was muss passieren?
Kemper:
Die geplante neue Spielverordnung des Bundes muss das Aufstellen von Geldspielautomaten in Gaststätten nicht nur begrenzen, sondern ganz verbieten. Vor allem, weil dort das Spielverbot für unter 18-Jährige meist nur auf dem Papier steht. Auch in Spielhallen sollte es keine Geldgewinnmöglichkeiten mehr geben, sondern nur noch Unterhaltungsspiele. Verboten gehören zudem so genannte Punktespiele.

Was sind Punktespiele, warum sind sie bedenklich?
Kemper:
Die Spielverordnung will den finanziellen Verlust pro Stunde wenigstens begrenzen. Bei den Punktespielen wird aber statt um Geld um Punkte gespielt, die später in Geld umgewandelt werden. Hier kann man schneller spielen, mehr gewinnen und natürlich auch mehr verlieren. Auf diese Art und Weise werden die Vorgaben der Spielverordnung umgangen und die Geräte sind letztlich nicht mehr kontrollierbar.

Welche Hilfen gibt es für Problemzocker oder Spielsüchtige?
Kemper:
Wichtig ist, dass durch die vorgeschlagenen Maßnahmen des Deutschen Städtetags und der Drogenbeauftragten die Menge an leicht anzusteuernden Automaten drastisch reduziert wird, um so schon das Entstehen von Spielsucht zu verhindern.

Spielsuchtgefährdete oder Betroffene finden mittlerweile in ganz Westfalen in den Spielberatungsstellen kompetente Ansprechpartner.

Wo die nächste Beratungsstelle zu finden ist, lässt sich über das Internet www.glücksspielsucht-nrw.de oder über die kostenlose Expertenhotline 0800 077 66 11 herausfinden.

Wie sehr hilft es, dass dieser Tage die Spielsucht neu in den Diagnosekatalog DSM 5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) aufgenommen wurde?
Kemper:
Besonders für schwerstabhängige Menschen bedeutet dieses Anerkenntnis des ‘Pathologischen Glücksspiels‘ als Krankheit neue Hilfemöglichkeiten. Bisher war es oft schwierig, bei den Krankenkassen ambulante oder stationäre psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfen bewilligt zu bekommen. Die Kostenträger übersehen oft die Dramatik für die Betroffenen und ihre Familien, die es auch erforderlich machen kann, sich zur Krisenintervention in ein Krankenhaus begeben zu müssen.

 

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